Chemie ist nicht alles – die Apotheke im Wandel der Zeit

 

Den roten Faden des Abends brachte schließlich ein persönliches Credo der Referentin Heller auf den Punkt: Entscheidend sei, dass die Kundinnen und Kunden die Apotheke „mit einem positiven Gefühl“ verlassen. 

Die Rheticus-Gesellschaft lud am 16. September 2026 zu einem ebenso informativen wie aktuellen Vortrag in das Kapuzinerkloster Feldkirch. Über 30 Interessierte folgten den Ausführungen der engagierten Feldkircher Apothekerin Mag.a Ingrid Heller zum Thema „Chemie ist nicht alles, aber ohne Chemie ist alles nichts“. Sie spannte dabei einen weiten Bogen von den Ursprüngen des Apothekerberufs über die Entwicklung moderner Arzneimittel bis zu den Herausforderungen, vor denen Apotheken heute stehen.


Als eine entscheidende Wegmarke gilt das Jahr 1241. Die Medizinalordnung Kaiser Friedrichs II. trennte die Berufe von Arzt und Apotheker und regelte unter anderem Herstellung, Qualität, Prüfung und Preise von Arzneimitteln. Damit begann die Entwicklung der Apotheke zu einem eigenständigen Berufs- und Wissensbereich.


Auch die Geschichte der Apotheken in Österreich reicht weit zurück. Bereits 1303 ist in Innsbruck eine „Apotheka“ belegt, um 1320 bestand am Wiener Stephansplatz die Feldapotheke „Zum goldenen Greif“. Über Jahrhunderte waren Apotheken nicht nur Verkaufsstellen, sondern vor allem Werkstätten: Salben, Tinkturen, Tees und Pillen wurden aus pflanzlichen, tierischen und mineralischen Ausgangsstoffen selbst hergestellt.


Die Zeit der Renaissance

Eine besondere Rolle in der Entwicklung der Arzneimittelkunde spielte Paracelsus (Theophrastus Bombast von Hohenheim). In der Renaissance verbanden sich überliefertes Heilwissen, Alchemie und zunehmend systematische chemische Verfahren. In Österreich folgten wichtige Schritte zur Professionalisierung: 1770 brachte das Sanitäts-Hauptnormativ Maria Theresias einheitlichere Regelungen, und 1804 wurde das Pharmaziestudium verpflichtend.


Anschaulich zeigte Ingrid Heller, wie viele bedeutende Arzneimittel ihren Ursprung in der Natur haben. Aus dem Schlafmohn wurden Morphin und Codein gewonnen, die Weidenrinde führte über Salicin zur Entwicklung von Aspirin, und die Beobachtung eines Schimmelpilzes durch Alexander Fleming leitete die Geschichte des Penicillins ein. Mit der pharmazeutischen Industrie verlagerte sich die großmaßstäbliche Herstellung von Arzneimitteln im 19. und 20. Jahrhundert zunehmend aus den Apotheken in industrielle Betriebe. Der Apotheker wandelte sich damit vom Arzneimittelhersteller immer stärker zum wissenschaftlich ausgebildeten Arzneimittelexperten.


Ein Stück Feldkircher Pharmaziegeschichte

Besonders interessant für das Publikum war der lokale Bezug. 1927 erwarb Mag. Josef Heller das Haus in der Herrengasse 1 samt Apothekenkonzession. Im selben Jahr entstand die Firma HELFE – der Name zusammengesetzt aus HELler und FEldkirch. Ebenfalls 1927 wurde die Mitizyncreme entwickelt, die damit 2027 ihr 100-jähriges Bestehen erreicht. Die charakteristische Flamme blieb als Markenzeichen bis heute erhalten.


Wie sieht die Apotheke der Zukunft aus?

Im zweiten Teil ihres Vortrags richtete Ingrid Heller den Blick auf die Gegenwart und die kommenden Jahre. Die klassische Apotheke steht heute unter erheblichem wirtschaftlichem und strukturellem Druck. Online-Handel, soziale Medien, neue Vertriebswege und Drogeriemärkte verändern den Markt, während Personal- und Fixkosten steigen und die Handelsspannen bei vielen Arzneimitteln sinken.


Heller sieht die Zukunft deshalb nicht in der Apotheke als bloßer Abgabestelle für Medikamente, sondern in ihrer Weiterentwicklung zum regionalen Gesundheitszentrum. Als wesentliche „Stellschrauben“ nannte sie die Erweiterung pharmazeutischer Dienstleistungen, zusätzliche gesetzliche Befugnisse, Spezialisierung und Eigenmarken, Kooperationen mit Pflegeheimen, Ärzten, mobilen Diensten und Betrieben sowie konsequente Digitalisierung und effizientere interne Abläufe. Dazu gehören beispielsweise Vorsorge- und Gesundheitsmessungen von Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin oder Vitaminwerten.


Auch das geplante Impfen in Apotheken ab 2027 könnte die Rolle der Apotheken in der wohnortnahen Gesundheitsversorgung weiter verändern und zugleich Arztpraxen entlasten. Für spezialisierte Land- und Kleinstadtapotheken sieht Heller durchaus gute Zukunftschancen – vorausgesetzt, sie nutzen ihre lokale Verankerung, persönliche Beratung und pharmazeutische Kompetenz und entwickeln zusätzliche Dienstleistungen. Gerade der unmittelbare persönliche Kontakt sei ein Vorteil, den weder Online-Handel noch anonyme Vertriebsformen ersetzen könnten.


Den roten Faden des Abends brachte schließlich ein persönliches Credo der Referentin auf den Punkt: Entscheidend sei, dass die Kundinnen und Kunden die Apotheke „mit einem positiven Gefühl“ verlassen. Persönliche und kompetente Beratung, kurze Wege und Dienstleistungen vor Ort könnten die Apotheke künftig stärker als Ort für Gesundheit und Wohlbefinden positionieren.


So zeigte der Vortrag eindrucksvoll: Das Ziel des Apothekerberufs ist über Jahrhunderte im Kern gleichgeblieben – Menschen mit wirksamen Arzneimitteln zu versorgen, sie kompetent zu beraten und verantwortungsvoll zu begleiten. Verändert haben sich vor allem die Mittel und Wege, mit denen dieses Ziel erreicht wird.

(Text und Fotos Helmut Köck September 2026)

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