48 Jahre Rheticus-Gesellschaft

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Exkursion Meßkirch und Campus Galli

Hans-Jürgen Oswald vom Verein Campus Galli erklärte mit großer Begeisterung den Rheticus Mitgliedern den St. Galler Klosterplan, wie im Mittelalter gearbeitet wurde (im Bild mit dem „Fuß-Maß) und vieles andere.


Am 1. Juli 2023 konnten 26 Teilnehmer bei der interessanten Exkursion von der Renaissance-Residenz bis zum frühmittelalterlichen Kloster - zwei unterschiedliche Welten der Baukunst kennenlernen.

 

Bereits um 07:15 Uhr ging die Tagesfahrt diesmal am Bahnhof Feldkirch los, RG-Vorstand Christoph Volaucnik war ein sehr bemühter Reisebegleiter. Austrian Guide Karl Dörler kam dann in Bregenz dazu und konnte bei der abwechslungsreichen Fahrt entlang des Bodenseeufers viel über Landschaft und Geschichte Oberschwabens erzählen.

 

Meßkirch        

Die an der Nahtstelle zwischen der Jungen Donau und dem Bodenseegebiet liegende alte Residenzstadt Meßkirch wird durch das 1557 erbaute Schloss der Grafenfamilie von Zimmern beherrscht. Es ist die erste regelmäßige vierflügelige Schlossanlage nördlich der Alpen im Stil der Renaissance. Der Stadthistoriker Armin Heim begleitet uns durch das Schloss und durch die Stadt. Das Schloss Meßkirch gilt als die früheste Vierflügelanlage nördlich der Alpen. Glanzstück ist der Renaissance-Festsaal mit seiner Original-Kassettendecke. Mit seinem außergewöhnlichen Ambiente bietet Schloss Meßkirch heute einen idealen Rahmen für Veranstaltungen der verschiedensten Art. Wir durften in den wunderbaren Saal, der bereits für eine große Hochzeit festlich dekoriert war.

 

Schloss Geschichte

Das Schloss reicht in seinen Ursprüngen in die Jahre um 1400 zurück. Johannes von Zimmern gilt als Erbauer des „alten Schlosses“. Froben Christoph von Zimmern berichtet in der Zimmerischen Chronik von den Umbauten, die sein Onkel Gottfried Werner nach 1520 am alten Schloss durchführen ließ.  Am 9. Mai 1557, drei Jahre nach seinem Herrschaftsantritt, legte der neue Schlossherr selbst den Grundstein zu dem Neubau. 1594, nach dem Aussterben der Grafen von Zimmern, diente das Schloss den Grafen von Helfenstein-Gundelfingen zunächst als Wohnsitz. Ab 1627 fiel es durch Erbfall an das Haus Fürstenberg und war ab 1716 Residenz der eigenständigen Linie Fürstenberg-Meßkirch.

 

Restaurierung

Seit den letzten Ergänzungsbauten ab etwa 1700 kam es zu keinen wesentlichen Veränderungen der Grundstruktur mehr. Dem Schloss fehlte es an der nötigen Bauunterhaltung, und so stellten sich im Verlauf der Zeit gravierende Bauschäden ein. Die Stadt Meßkirch, die 1961 zum symbolischen Kaufpreis von einer Deutschen Mark vom Fürstenhaus Fürstenberg das Schloss samt Hofgarten übernahm, sah sich lange Zeit außerstande, daran etwas zu ändern. 1984 wurde es als Baudenkmal von besonderer nationaler kultureller Bedeutung anerkannt, 1985 begannen die Arbeiten mit der Instandsetzung der Dächer und Portale.

 

Nutzung

Nach der Nutzung zu fürstenbergischen Zeiten beherbergte  das Schloss das Amtsgericht,  auch untergebracht waren  die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) des Kreises Stockach und verschiedene Schulen hatten dort über Jahre hinweg eine Bleibe gefunden bis der Gebäudekomplex renoviert wurde. 1983 betrieb das Musikpädagogen-Ehepaar Ludwig und Wilma Fischer-Schwaner im Schloss eine private Musikschule.

 

Martin-Heidegger-Museum

Seit der Renovierung wird der Gebäudekomplex auch vom Martin-Heidegger-Museum über das Leben und Werk des Philosophen genutzt, welches wir besichtigen konnten. Neben einer Lebenschronik und Stationen der philosophischen Entwicklung Heideggers werden auch die Themen „Heidegger als Sohn Meßkirchs“ und „Heidegger und die Kunst“ gezeigt. Martin Heidegger wurde am 26. September 1889 in Meßkirch geboren und starb am 6. Mai 1976 in Freiburg im Breisgau. Die wichtigsten Ziele Heideggers war die Kritik der abendländischen Philosophie und die denkerische Grundlegung für ein neues Weltverständnis. 1926 entstand sein erstes Hauptwerk „Sein und Zeit“, insgesamt 102 Bände umfasst Heideggers Gesamtwerk. Heidegger war einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, gleichwohl ist sein Werk inhaltlich umstritten, vornehmlich ist sein nationalsozialistisches Engagement bis heute Gegenstand kontroverser Debatten.

 

Hofgarten

Anschließend machte die Gruppe noch einen Spaziergang zum Schlosspark, welcher im Jahre 1736 im französischen Stil angelegt und mit über 300 Linden bepflanzt wurde. Von den insgesamt 300 Bäumen im Hofgarten haben 57 ein Alter von 200 Jahren und älter, die Besonderheit des Altbaumbestandes liegt zum einen in der hohen Anzahl der sehr alten Linden, was regional einzigartig ist, und zum anderen im guten Gesundheitszustand der Bäume.

 

Martinskirche
Nicht fehlen durfte der Besuch der beeindruckenden Martinskirche, die  Gottfried Werner von Zimmern 1526 durch eine dreischiffige gotische Kirche erbauen ließ. 1769-63 wurde sie unter den Fürsten zu Fürstenberg im Rokokostil umgebaut. Besondere Kunstwerke sind die Bronze-Epitaphien für Graf Gottfried Werner von Zimmern und für Graf Wilhelm von Zimmern. Nach einem kurzen Rundgang durch Meßkirch fuhren wir weiter zum „Campus Galli“, wo es in der „Wirtschaft“ eine deftige Mittagsjause gab.

 

Campus Galli

Um 14:00 Uhr erwartete uns schon Hans-Jürgen Oswald vom Verein Campus Galli. Mit großer Begeisterung führte er uns durch das Gelände, wo wir das Mittelalter hautnah erleben konnten. Auf der Klosterbaustelle entsteht Tag für Tag ein Stück Mittelalter: Fest angestellte Handwerker und Ehrenamtliche schaffen mit den Mitteln des 9. Jahrhunderts ein Kloster auf Grundlage des St.Galler Klosterplans.

 

Ohne modernes Werkzeug

Hier bei Meßkirch erwacht seit 2013 nun ein Stück Geschichte zum Leben: Ohne Maschinen, ohne modernes Werkzeug. Es werden Holzbalken mit Äxten behauen und aus der Schmiede ertönt der klingende Ton des Ambosses. Alles muss von Hand gemacht werden, alles ist mühsamer, geht langsamer als heutzutage, ist vielleicht aber auch erfüllender und befriedigender.

 

Klosterplan

Herr Oswald erklärte genau den viel bewunderten St. Galler Klosterplan, welcher einzigartig ist: Trotz der vielen Bauwerke, die zu dieser Zeit entstanden, ist kein anderer Bauplan aus dem frühen Mittelalter bekannt. Er ist die älteste überlieferte Architekturzeichnung Mitteleuropas. Gezeichnet wurde der Plan von Mönchen vor dem Jahr 830 n.Chr., auf der Insel Reichenau im Bodensee. Benannt ist er nach dem Ort St. Gallen, für den er ursprünglich geschaffen wurde und in dessen Stiftsbibliothek er bis heute liegt. Der Klosterplan mit seinen zahlreichen Gebäuden und vielen Details, hat eine bewegte Geschichte. Entstanden ist er aus fünf nach und nach angenähten Pergamentblättern. Seine Rückseite wurde ca. 400 Jahre später von einem Mönch dazu verwendet, das Leben des Heiligen Martin aufzuschreiben, bei genauem Hinsehen kann man die Schrift an vielen Stellen durchscheinen sehen. Die vielen Faltungen und ein im 19. Jahrhundert fehlgeschlagener Restaurationsversuch, geben dem Plan sein heutiges Aussehen. Weiter ging unser Rundgang vorbei an der Eremitage, die das Kloster St. Gallen stiftete, wir besuchten die riesige strohbedachte Klosterscheune, waren begeistert, wie das aktuelles Bauprojekt, das Nebengebäude „Abtshof“ nach Art eines Blockhauses aus massiven Balken entsteht. Das Lager und die Küche werden dann in Stein gebaut.

 

Holzkirche

Dass hier wirklich gute Handwerker tätig sind, zeigt die bereits fertige Holzkirche. Der bislang größte und schwerste Balken, der bislang hergestellt und eingebaut wurde, ist hier zu finden. Die Holzhandwerker haben dafür einen Baum ausgewählt, der eine natürliche Krümmung aufweist. Der Fußboden wurde mit Bruchsteinen aufgefüllt, darauf kam eine Schicht Stampflehm, und darauf wiederum ein dünner Kalkstrich. Viele weitere Arbeiten waren notwendig, wie das Schmieden der Nägel zur Befestigung der Dachlatten - ein Gewerk hängt vom anderen ab, darin unterscheidet sich die Galli Baustelle nicht von einer Baustelle der heutigen Zeit. Während die Klosterstadt durch die Kraft und Geschicklichkeit der Handwerker  langsam Gestalt annimmt, erfahren die Mitarbeiter auf eine ganz eigene Art, was „Alltag“ früher bedeutet hat: Jeder noch so kleine Arbeitsschritt muss von Hand gemacht werden, es gibt nur die direkte Kommunikation zwischen Menschen, keine Maschinen, keine Technik, dabei dem Wetter ausgesetzt sein und körperlich arbeiten, mit dem was die Umwelt hergibt. Wer mehr über dieses einzigartige Projekt erfahren will, der schaue doch diese Seite im Internet an: Website Campus Galli

 

 

 (Text und Fotos Helmut Köck, Juni 2023)