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Exkursion Stadt und Schloss Werdenberg

Im Rittersaal: Die Geschichte von Grafen, Rittern und Burgfräuleins haben auf Schloss Werdenberg ihre persönlichen baulichen Spuren in den 800-Jahren hinterlassen.

50 Mitglieder und Freunde erlebten am 4. Oktober 2019 eine interessante Führung ins benachbarte Werdenberg bei Buchs. Als Begleiterin mit Herzblut erwies sich die Frau Maya Suendehauf. Mit Freude und Begeisterung verstand sie es, den Besuchern die geschichtlichen, kulturellen und architektonischen Besonderheiten dieses wunderbaren Ortes zu vermitteln.

 

Kleinste Stadt der Schweiz

 

Kaum ein anderes Sujet aus den St. Galler Rheintal ist so bekannt wie das auf unzähligen Fotokalendern abgebildete Städtchen Werdenberg mit dem darüber thronenden gleichnamigen Schloss. Die bereits 1289 als Stadt bezeichnete Siedlung erhielt das Markt- und Stadtrecht schon bald nach dem Bau der Burg, die in ihrem Kern in den 1220er Jahren bis um 1235 entstanden ist. Bauherr war Graf Hugo I. von Montfort.

 

Sein Nachfahre Hartmann I. nannte sich 1259 erstmals Graf von Werdenberg und gilt als Begründer der Linie der Grafen von Werdenberg-Sargans. Sein Bruder Hugo I. von Werdenberg gründete die Städte Werdenberg, Bludenz und Sargans. Das Städtchen wurde weder von Kriegen noch von Feuersbrünsten heimgesucht, sodass das mittelalterliche Stadtbild über Jahrhunderte weitgehend erhalten blieb. 1517 kaufte der eidgenössische Stand Glarus das Schloss und die Grafschaft Werdenberg, die damit zur Landvogtei wurde. Das Städtchen Werdenberg gehört zur Gemeinde Grabs. Es rühmt sich, mit ungefähr 55–60 Einwohnern die kleinste Stadt der Schweiz zu sein. Von den rund 40 Häusern dienen einige nur als Ferienhäuser.

 

Schlangenhaus

 

Nach der Führung im Städtchen ging es ins s.g. „Schlangenhaus“. Wie die Menschen früher in der Region Werdenberg lebten ist im Regionalmuseum Schlangenhaus zum Anfassen nah inszeniert. Von den ersten Siedlungsspuren bis zum aufkommenden Interesse an dieser einzigartigen mittelalterlichen Holzbausiedlung in den 1960er-Jahren wird im Schlangenhaus der große Bogen von der Vergangenheit bis in die Gegenwart geschlagen. Die Details der Werdenberger Geschichte wurden mit einer gekonnten Multi-Media Installation lebendig erzählt.

 

Feiner Apéro

 

Anschließend spazierten wir durch den Rebberg zum Schloss. Dort lud uns die Gesellschaft für Werdenberger Geschichte und Landeskunde (WGL) zu einem Apéro im Bistro ein, um dann gestärkt wieder den Worten von Maya zu lauschen, welche uns fachkundig viele interessante Details von der Burg vermittelte.

 

Schloss Werdenberg

 

Die Geschichte von Grafen, Rittern und Burgfräuleins haben auf Schloss Werdenberg ihre persönlichen baulichen Spuren hinterlassen.

Der Bau des Bergfrieds begann vor/um 1228 unter Graf Rudolf von Montfort. Im Jahr 1232 wurden der Palas und die Ringmauer gebaut. Aus dieser Zeit stammt der Rittersaal, der bis heute beinahe unverändert blieb. Die Treppenhalle entstand erst beim Ausbau der Burg zum Schloss.

 

Um 1230/40 teilten die Brüder Rudolf I. und Hugo II von Montfort das Erbe. Rudolf erhielt das vornehmlich linksrheinische Gebiet; unter ihm wurde wahrscheinlich die Burg Werdenberg gebaut. Seine Nachfahren nannten sich nach der Burg «von Werdenberg». Das Schloss war Sitz der Grafen von Werdenberg aus der Seitenlinie der Heiligenberg, bis Rudolf II. (gest. 1419/21) und Hugo V. von Werdenberg ohne Nachkommen starben. Danach wechselte das Schloss häufig seinen Besitzer.

 

Frühe Neuzeit

 

1483 kam es samt Grafschaft in den Besitz des Grafen Johann Peter von Sax-Misox, welcher Herrschaft samt Schloss zwei Jahre später dem eidgenössischen Stand Luzern verkaufte. Luzern veräußerte die abgelegene Herrschaft 1493 an die Südtiroler Freiherren Georg und Mathis von Castelwart. 1498 verkaufte Mathis von Castelwart die Herrschaft wiederum an die Freiherren von Hewen. 1517 veräußerten Wolfgang und Georg von Hewen die Herrschaft samt Schloss an den eidgenössischen Stand Glarus, wodurch auf dem Schloss fortan die Glarner Landvögte residierten, die sich alle drei Jahre ablösten.

 

Im Jahre 1695 fiel das Schloss anlässlich einer Feierlichkeit zum Beginn der Amtszeit des neuen Landvogts Johannes Zweifel einem Brand zum Opfer. Vermutet wird, dass der Brand in der Schlossküche ausgebrochen war und dann schnell auf den hölzernen Innenausbau des Bergfrieds übergriff. Beim Brand wurden das 1. und 2. Obergeschoss vom Palas und der Dachstuhl zerstört. Schon im Winter desselben Jahres wurden im Bergfried neue Deckenbalken eingezogen.

 

Nach dem Zusammenbruch der alten Eidgenossenschaft 1798 wurde die Herrschaft Werdenberg vorübergehend frei und später dem gleichnamigen Distrikt des helvetischen Kantons Linth zugeteilt. Nach der Auflösung des Kantons Linths und der Neugründung des Kantons St. Gallen wurden Schloss und Städtchen 1803 der Gemeinde Grabs zugeteilt, wobei das Schloss weiterhin in Glarner Besitz verblieb.

 

Heutige Nutzung

 

1835 wurde das verwahrloste Schloss von Johann Ulrich Hilty gekauft, dem Vater des Rechtsgelehrten Carl Hilty (1833 bis 1909). Er ließ die Räumlichkeiten nach und nach in Stand setzen, teilweise umbauen und herrschaftlich ausstatten. Die letzte Bewohnerin von Schloss Werdenberg war Frieda Hilty. Sie bewohnte das Schloss in den warmen Monaten zusammen mit ihrer Gesellschafterin Fräulein Hiller sowie zwei Angestellten. 1956 schenkte sie das Gebäude samt Ausstattung dem Kanton St. Gallen, wodurch es öffentlich zugänglich wurde.

 

1960 wurde die Stiftung Pro Werdenberg gegründet, welche die Restaurierung des Städtchens einleitet. Das Schloss ist als Museum zugänglich und zeigt die Privatwohnung der Familie Hilty. 1977 wurde eine Außenrenovierung des Schlosses durchgeführt.

 

Im Jahr 1985 wurde im Schlosshof als erste Oper der Wildschütz von Albert Lortzing aufgeführt. Seither wurden immer wieder kulturelle Anlässe, wie die Werdenberger Schloss-Festspiele im Schloss durchgeführt. 2009 startete auf Schloss Werdenberg die erste Saison mit einem Kulturprogramm und Installationen von Pipilotti Rist und Niki Schawalder. Träger der Kulturprojekte ist der Verein Schloss Werdenberg. Seit dem Jahr 2012 findet die Schlossmediale, das internationale Festival für Alte Musik, Neue Musik und audiovisuelle Kunst jährlich statt.

 

Mit bleibenden Eindrücken über die 800-jährigen Geschichte in Werdenberg ging es mit dem Bus wieder zurück nach Feldkirch.

 

(Text und Fotos Helmut Köck, Oktober2019)


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