Literaturwanderung durch Feldkirch 

 

Am Samstag, 9. Juni 2012 traf sich bei bestem Wetter eine Schar von Literaturfreunden zu einer Wanderung durch Feldkirch.

 

Geschichten am Bahnhof

Dr. Philipp Schöbi, von Beruf eigentlich Mathematiker, aber seit Studentenzeiten von Literatur begeistert, führte 30 Mitglieder der Rheticus-Gesellschaft durch Feldkirch. Treffpunkt war der Bahnhof, da dort Literaturgeschichte geschrieben wurde. Der Referent berichtete in der Wartehalle über James Joyce, der über den Bahnhof Feldkirch zu Beginn des Ersten Weltkrieges ausreiste und der erklärt hat, dass sich hier das Schicksal seines bekanntesten Romanes „Ulysses“ entschieden habe. Auf dem Perron gab Schöbi Erläuterungen über die Ausreise von Kaiser Karl und sein „Feldkircher Manifest“. Stefan Zweig war zufällig Augenzeuge des Endes der Habsburger-Monarchie und hielt diesen bewegenden Moment schriftlich fest. Schöbi zitierte diese Stelle aus Zweigs Werk. 20 Jahre danach spielten sich wiederum tragische Schicksale am Bahnhof ab: Nach der militärischen Okkupation Österreichs durch Hitler-Deutschland versuchten viele politisch Verfolgte und Juden sich mit dem Zug in die Schweiz zu retten. Die SS wartete bereits am Bahnhof, durchsuchte die Schnellzüge - Schicksalsstunden für viele Flüchtlinge. Einige dieser Exilanten haben ihre Erinnerungen an diese bangen Minuten und Stunden festgehalten. Schöbi zitierte die entsprechenden Passagen aus den Memoiren von Zuckmayer. Ein Satz aus diesem Buch findet sich ja an der Friedhofsmauer als literarisches Denkmal für die Verfolgten des NS-Regimes.

 

Station Friedhof

Nächste Etappe auf der Literaturwanderung war der evangelische Friedhof, wo das Grab von John Shoulto Douglas besichtigt wurde. Der aus Schottland stammende Fabrikant verunglückte bei einem Jagdunfall im Klostertal tödlich und fand auf dem Friedhof seine letzte Ruhestätte. Sein Sohn Norman war ein bekannter Schriftsteller, der in einem Buch seine Erinnerungen an Kindheit-und Jugendzeit im Walgau festhielt. Am Domplatz referierte Schöbi über den bekanntesten Wissenschaftler aus Feldkirch, den Astronomen und Mathematiker Johann Georg Rheticus. Vor dem ihm gewidmeten Denkmal konnten die Literaturfreunde Neues über die wissenschaftliche Bedeutung dieses Mannes und die Feldkircher Humanisten im Allgemeinen erfahren. In der Herrengasse berichtete Schöbi über die ungewöhnliche Biographie des aus Hamburg stammenden Literaten Dr. Lebrecht Dreves und seinen Sohn Guido.

 

Auf dem Elisabethplatz

konnte Schöbi seine Forschungsergebnisse über Conan Doyle und seine Schulzeit im berühmtem Jesuitengymnasium „Stella Matutina“ vorstellen. Er machte dort seine ersten Schreiberfahrungen in einer Schülerzeitung. Die bisher vertretene Theorie, dass seine ersten Aufsätze im „Feldkircher Anzeiger“ erschienen seien, ist nicht aufrecht zu erhalten. Da man vom Elisabethplatz aus auch den Blasenberg sehen kann, berichtete Schöbi über die Nennung des Margarethenkapfes im Buch „Zauberberg“ von Thomas Mann. Er zitierte die entsprechende Passage, in der Mann die „Stella Matutina“ wie auch den Kapf sehr genau schilderte, obwohl er selbst nie in Feldkirch war.

 

Nach knappen zwei Stunden endete an der Ill die literarische Wanderung durch Feldkirch. Der „Wanderführer“ hatte es verstanden, eine eindrucksvolle Schilderung der Feldkircher Literaturgeschichte zu geben und mit den Zitaten aus Romanen und Essays Neugier zu schaffen, selbst einmal in diesen Werken nachzulesen. Beim Abschied wurde mehrfach der Wunsch geäußert, auch im nächsten Jahresprogramm der Rheticus-Gesellschaft eine Wanderung oder einen Spaziergang zur Kulturgeschichte des „Städtle“ anzubieten.

 

(Text und Foto Mag. Christoph Volaucnik, Juni 2012)


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